In dem vergangen MIA Online Event vom 30. Juni 2021 ging es um visionäre Ansätze, die uns zeigten wie das Stromsystem der Zukunft, das durch einen hohen Anteil an dezentralen Erzeugungseinheiten charakterisiert sein wird, aussehen und funktionieren könnte. Der Fokus lag dabei auf lokalen Energiemärkten und Energiegemeinschaften, deren Potential zuerst von Experten präsentiert, und anschließend in Rahmen einer interaktiven Diskussion mit dem Publikum vertieft wurden.

 

Präsentationen

 

Hans Auer – Möglichkeiten und Potenziale des Up-scalings von Flexibilitäten aus Energiegemeinschaften auf europäische Übertragungsnetze

 

In der ersten Präsentation des Events gab Hans Auer (Energy Economics Group) einen spannenden Überblick über den Einfluss von Energiegemeinschaften auf das Europäische Energiesystem. Insbesondere sprach er über den Unterschied zwischen Microgrids und Peer-to-Peer Trading, die beide als Energiegemeinschaften fungieren können. Dann betonte er die Wichtigkeit der Sektorenkopplung, die langfristig auch in Energiegemeinschaften eine zentrale Rolle spielen wird.

 

Die wichtigsten Schlussfolgerungen aus dem Vortrag waren:

 

  • Das Ziel der Energiegemeinschaften ist es nicht sich völlig vom bestehenden Netz zu entkoppeln, sondern durch Eigenerzeugung einen Beitrag zur Energiewende zu leisten und den Strom dann einzuspeisen, wenn er zur Systemstabilität beiträgt (Netzdienlichkeit).
  • Energiegemeinschaften werden auf mehreren Netzebenen eine wichtige Rolle spielen und favorisieren bei ausreichend hohem CO2-Preis saisonale Speicher (z.B. Wasserstoff) anstatt von Batteriespeicher.
  • Die weitgehende Durchdringung von Energiegemeinschaften ist kein technisch-ökonomisches, sondern ein regulatorisches Problem.
  • In einem System mit einer hohen Durchdringung von Energiegemeinschaften werden Verteilnetzbetreiber neue Rollen einnehmen, in denen sie z.B. mit dynamischen Netztarifen das Verbrauch- und Einspeiseverhalten steuern könnten.

 

Leo Hille – Flexible Stromtarife aus Sicht der Entwickler von Digitalen Services und Plattformen

 

Bezüglich des letzten Punktes von Herrn Auer, präsentiere Leo Hille (Grid Singularity) im ersten Teil seines Vortrags ein innovatives Marktmodell in dem Verteilnetzbetreiber flexible Netztarife setzen können, um netzdienliches Verhalten zu steuern. Darüber hinaus wies Herr Hille auf die soziale Komponente beim Peer-to-Peer Trading hin, und zeigte, wie sich der Stromhandel weg vom Warengeschäft und hin zu einem personalisiertem Produkthandel bewegen könnte. Das soll über eine neue Attributangabe geschehen, mit der Prosumenten*innen[1] festgelegen können welchen Ursprung der gekaufte Strom haben soll. Im zweiten Teil der Keynote, demonstrierte Herr Hille eine brandneue Onlineplattform, mit welcher man eigens Energiegemeinschaft bauen und anwenderfreundlich simulieren kann.

Die Plattform könnte den, von Hans Auer angesprochenen, regulatorischen Aufholbedarf mindern, indem Entscheidungsträger innerhalb weniger Minuten die Vorteile von Energiegemeinschaften begreifen können. (https://map.gridsingularity.com/singularity-map)

[1]  Ein Prosument ist ein Konsument der auch Strom zurück ins Netz einspeisen kann. Das zum Beispiel durch eine eigene Photovoltaik Anlagen am Dach, ein E-Auto, oder eine Batterie.

 

Marta Hodasz – Energiegemeinschaften – Rechtliche Aspekte

 

Um beim Thema der Regularien zu bleiben, gab Marta Hodasz (BMK) einen spannenden Einblick in das neue Erneuerbare Ausbaugesetz (EAG). Das EAG wurde am 7. Juli kurz nach dem Event im Parlament beschlossen und gibt die aktuelle und zukünftige Rechtslage um Erneuerbare Energiegemeinschaften vor. Einer der wichtigsten Aspekte des neuen Gesetzes ist die finanzielle Begünstigung von Prosument*innen innerhalb Energiegemeinschaften durch einen „Ortstarif“. Dieser ist bei ausschließlicher Verwendung des Niederspannungsnetzes am höchsten, und steigt bei Beanspruchung von mehreren Netzebenen. Weiterhin muss beim Bezug von lokal erzeugtem Strom kein EAG Förderbeitrag und keine Elektrizitätsabgabe bezahlt werden. Diese Kostenstruktur ist jedoch nicht zeitlich variabel, worauf viele innovative Konzepte (sowie das von Grid Singularity) bauen. Das bedeutet aber nicht das zeitlich variable Stromtarife in der Zukunft nicht kommen könnten denn wie Frau Hodasz sagt: „Das Recht reagiert auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen; und es hinkt auch teilweise hinterher.“

 

Micha Roon – Digitale Identifikation (DID) für E-Autos und PV-Anlagen auf der Blockchain

 

Im nächsten Vortrag wurde eine Technologie vorgetragen, die einen wichtigen Teil der digitalen Infrastruktur des Stromsystems der Zukunft ist: Digitale Identitäten.  Wie Micha Roon (Energy Web Foundation) erklärte, werden Privatpersonen in den nächsten Jahrzehnten um einiges mehr in das Energiesystem investieren als Netzbetreiber. Demnach ist es absehbar, dass Prosumenten*innen an der Energiewende mitverdienen wollen werden. Das bedingt, dass jedes Gerät einen individuellen Ausweis hat, mit dem verschiedene Akteure, sowie Netzbetreiber oder Aggregatoren verifizieren können ob das Gerät autorisiert ist am Strommarkt teilzunehmen. Dieser Prozess soll mittels der Energy Web Chain, einer designierten Blockchain für den Energiesektor, erfolgen und wurde schon mit der APG in Österreich getestet. Wie Micha Roon abschließend behauptet: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es ein dezentrales Autorisierungsmodell braucht, damit alle Marktakteure zusammenarbeiten können.“

 

Ludwig Karg – Wie viel Demokratie und Dezentralisierung brauchen wir in der Energiewende wirklich?

 

All die zuvor gehörten Ansätze gingen stark davon aus, dass Mitglieder einer Energiegemeinschaft vor allem daran interessiert sind mit den eigenen dezentralen Technologien Geld zu verdienen. Genau diese Annahme stellte Ludwig Karg (B.A.U.M. Consult) in seinem Vortrag auf den Kopf. Mit dem Leitsprung „sharing vs. trading“ thematisierte er die Bereitschaft Strom zu teilen, anstatt zu handeln, und zeigte durch das Projekt Fever das innerhalb einer Energiegemeinschaft nicht jede kWh streng abgerechnet werden musste. Weiterhin griff er die zuvor besprochene neue Rolle des Verteilnetzbetreibers auf, und appellierte danach daran, Blockchain für das Energiesystem weiter zu entwickeln. Herr Karg endete seinen Vortrag mit einigen wichtigen und teilweise ungeklärten Fragen, die an dieser Stelle noch einmal angeführt werden sollten:

 

  • Wie lässt sich eine Lobby für verteilte Energiesysteme organisieren?
  • Wie kann Blockchain im Energiesektor für mehr als Datenspeicherung verwendet werden?
  • Wie lässt sich aus autonomen Microgrids ein stabiles Ganzes bauen?

 

 

Diskussionsrunde

 

Anschließend an die Vorträge begann die Diskussionsrunde mit Leo Hille, Micha Roon und Bernadette Fina (AIT), die MIA21 Award Preisträgerin ist Expertin für lokale Energiemärkte und momentan am Aufbau der „Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften“ des Klimafonds beteiligt. Mit den verbleibenden Zuseher*innen, darunter Esther Mengelkamp die wichtige wissenschaftliche Beiträge im Bereich der Microgrids liefert, wurden die präsentierten Themen reflektiert und Aspekte der Energiegemeinschaften, deren rechtliche Rahmenbedingungen sowie die neue Rolle von Verteilnetzbetreibern diskutiert.

 

Zusammenfassung

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Nachmittag nicht nur sehr informativ, sondern auch inspirierend war. Wir lernten über die Potentiale von modularen Netzen die von neuen Technologien und rechtlichen Rahmenbedingungen ermöglicht werden sollten. Gleichzeitig müssen, um neue Akteure wie z.B. Energiegemeinschaften zu integrieren, neue Rollen für alteingesessene Akteure, wie z.B. Netzbetreiber, gefunden werden. Sollte uns gelingen, was wir an diesem Nachmittag in vier spannenden Vorträgen und einer interaktiven Diskussion gehört haben, wird das Energiesystem der Zukunft demokratischer, umweltfreundlicher und stabiler.

 

Die Veranstaltung gibt es hier zum Nachschauen:

https://www.youtube.com/watch?v=29wo78Jk278&t=25s